Computerspiele – der Feind

Letzte Woche habe ich diesen Artikel auf Deutschlandfunk.de gelesen, ein Interview mit dem Schweizer Kinderarzt Remo Largo. Hier geht es in erster Linie darum, eine sichere Bindung zu seinen Kindern aufzubauen, um sie “gehorsam” (ich mag das Wort nicht) zu machen und dass dies Zeit in Anspruch nehme. Er beschreibt, dass viele Eltern, gerade Väter, sich hier nicht genügend Zeit nehmen um diese bewusst mit ihren Kindern zu verbringen (in der Schweiz im Durchschnitt 20 Minuten am Tag – was zum Teufel?). Soweit so gut, doch dann plötzlich der Seitenhieb: 

Das ist ja auch ein Problem in Bezug auf den Fernsehkonsum oder das Gamen. Ich meine, das ist nicht nur für die Kinder verführerisch. Das ist auch für die Eltern verführerisch, weil dann sind ja die Kinder beschäftigt.”

Und mir als Zockermom stößt das natürlich sauer auf. Diese Aussage entspricht einem Phänomen, das mir im Zusammenhang mit Computerspielen häufig auffällt, die Spiele, der Feind. Computerspiele spielen, oder “Gamen” ist ganz offensichtlich eine in unserer Gesellschaft nicht anerkannte Freizeitbeschäftigung. Das liegt womöglich daran, dass sie noch verhältnismäßig jung sind und der Großteil der momentanen Elterngeneration nicht damit aufgewachsen ist. Alles was neu ist, muss ja grundsätzlich erst mal schlecht sein und nur langsam, ganz langsam, gewinnt es an Bedeutung. Aber dazu kann ich nur sagen, wie jede andere Freizeitbeschäftigung auch, sind Computerspiele nicht grundsätzlich “böse”.


Wenn ein Kind gerne liest, malt oder mit Spielzeugautos spielt, ist das völlig ok. Wenn man ihnen dann beispielsweise 20 Bücher schenkt, mit denen sie den ganzen Tag beschäftigt sind, sagt keiner etwas. Oder auch das im Artikel angepriesene mit Freunden spielen entbindet praktischerweise davon, sich um das Kind kümmern zu müssen. Dabei geht es doch gerade darum in diesem Artikel, Zeit mit den Kindern zu verbringen. Daher ist das empfohlene Gamen verbieten und Alternativen anbieten in meinen Augen der falsche Ansatz.

Computerspiele zu spielen ist ein Hobby, nicht mehr und nicht weniger. Und bei jedem Hobby gilt, in Maßen ist dagegen nichts einzuwenden. Ich weiß was der Herr Largo da meint, das Kind vor den Computer oder Fernseher setzen und nicht weiter beachten ist für die Bindung nicht förderlich, aber das betrifft andere Hobbies gleichermaßen. Wie also geht man damit um? Ganz einfach, man zeigt Interesse. Liest das Kind, unterhält man sich über das Buch, malt es gern, lässt man sich die Bilder zeigen, macht es Sport, geht man zu Spielen usw. Bei den meisten anderen Hobbies funktioniert das wie selbstverständlich. Wieso nicht bei den Computerspielen?

Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ein Bindungsaufbau auch hier möglich ist. Ich hatte das Glück, einen Vater zu haben, der damals genauso gern spielte wie ich. Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehören Siedlerpartien, zu dritt mit meinem Bruder, gegen den Computer und lange Auswertungsdiskussionen im Anschluss. Oder eine Nachmittagspartie Buzz Quiz, zu der sich sogar meine Mutter hinreißen lies. Ich erinnere mich heute noch gern daran und so hat auch unser Sohn noch nie etwas im Fernsehen gesehen, ohne dass wir es auch haben oder ein Spiel auf dem Tablet gespielt, ohne dass wir zumindest zugesehen haben, wenn nicht sogar mitgespielt. Und immer unterhalten wir uns im Anschluss darüber.

Und aus der Erfahrung, die mein Mann in seiner Kindheit gemacht hat, kann ich sagen, das Interesse an Computerspielen verschwindet nicht, indem man sie verbieten, egal wie viele Alternativen man bietet. Es führt eher dazu, dass heimlich gespielt wird oder spätestens mit Auszug aus dem Elternhaus exzessiv nachgeholt wird. Muss nicht so laufen, kann es aber. Denn, wie jedes Bedürfnis, verschwindet auch der Drang zu spielen erst dann, wenn er befriedigt wird. Und daher finde ich es besser, Kindern, die Interesse an Computerspielen zeigen, einen vernünftigen Umgang damit näher zu bringen. Und die Spiele weder als den Feind noch als eine Ausrede sich nicht um das Kind kümmern zu müssen zu betrachten, sondern als das, was sie sind. Ein ganz normales Hobby.

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